Vitamin D: Wie viel ist genug? Was eine Studie mit 25.871 Menschen zeigt
Paul Krieger
CEO, Damoi
Was randomisierte Studien zeigen und wo die Beobachtung endet.

Was der Vitamin-D-Wert misst
Vitamin D ist ein besonderes Vitamin. Den größten Teil bildet der Körper selbst, in der Haut, wenn Sonnenlicht darauf fällt. Über das Essen kommt vergleichsweise wenig dazu, denn nur wenige Lebensmittel enthalten nennenswerte Mengen, vor allem fetter Fisch, Eier und manche Speisepilze.
Bevor der Körper Vitamin D nutzen kann, wandelt er es um. Die Form, die im Blut zirkuliert und im Labor bestimmt wird, heißt 25-OH-Vitamin-D. Wenn von deinem Vitamin-D-Wert die Rede ist, ist dieser Wert gemeint.
Wie viel jemand bildet, hängt von vielen Dingen ab: von der Jahreszeit, der Hautfarbe, den Genen, vom Sonnenschutz, vom Breitengrad und davon, wie viel Zeit jemand draußen verbringt. Deshalb schwankt der Wert über das Jahr, und deshalb unterscheiden sich Menschen am selben Ort deutlich.
Unstrittig ist die Rolle für die Knochen. Das US-amerikanische Institute of Medicine (IOM) kam 2011 nach einer umfassenden Prüfung zu dem Schluss, dass Vitamin D und Calcium eine Schlüsselrolle für die Knochengesundheit spielen, mit einem Zusammenhang, der zu Ursache und Wirkung passt.
Zwei Einheiten, ein Wert
Bevor es um Studien geht, ein praktischer Punkt. Vitamin D wird in zwei Einheiten angegeben: in Nanogramm pro Milliliter (ng/mL) oder in Nanomol pro Liter (nmol/L). Es ist derselbe Wert, nur anders gezählt. Um von ng/mL auf nmol/L zu kommen, multiplizierst du mit 2,5.
2,5Faktor von ng/mL zu nmol/L
Ein Beispiel: 20 ng/mL entsprechen 50 nmol/L. Wer diese Umrechnung übersieht, kann einen Wert leicht um das Zweieinhalbfache falsch einschätzen. Achte deshalb beim Lesen eines Laborberichts zuerst auf die Einheit. In diesem Report steht immer zuerst ng/mL und dahinter nmol/L.
Warum die Frage so schwer zu beantworten ist
Viele Beobachtungsstudien haben niedrige Vitamin-D-Spiegel mit einer langen Liste von Erkrankungen in Verbindung gebracht: mit Erkrankungen von Knochen und Muskeln, mit Stoffwechsel- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen, mit Krebs, Autoimmun- und Infektionserkrankungen. Das hat dazu geführt, dass Vitamin D in den letzten Jahren sehr viel häufiger gemessen und eingenommen wurde.
Eine große Übersichtsarbeit im BMJ von 2014 hat diese Forschung sortiert. Untersucht war der Zusammenhang zwischen Vitamin D und 137 verschiedenen Gesundheitsfolgen. Zehn davon waren sowohl in Beobachtungsstudien als auch in randomisierten Studien ausgewertet. Nur bei einer Folge, dem Geburtsgewicht, zeigten beide Studienarten in dieselbe Richtung. Das Fazit der Autoren: Trotz einiger hundert Übersichtsarbeiten gibt es für keine Erkrankung einen überzeugenden Beleg für eine klare Rolle von Vitamin D.
Warum laufen Beobachtung und Experiment so oft auseinander? Ein Grund: Menschen mit hohen Vitamin-D-Werten unterscheiden sich auch in anderen Dingen. Wer viel draußen in Bewegung ist, bildet mehr Vitamin D und ist oft auch aus anderen Gründen gesünder. Auch das Körpergewicht und die Ernährung spielen hinein. Fachleute nennen solche Störgrößen Confounder. Dazu kommt die umgekehrte Richtung: Wer krank ist, ist seltener draußen und hat deshalb niedrigere Werte. Dann wäre der niedrige Wert eine Folge der Krankheit, nicht ihre Ursache.
Eine Beobachtungsstudie kann das nie ganz trennen. Eine randomisierte Studie schon. Genau darum geht es in diesem Report.
Die Studie
Die VITAL-Studie ist eine der größten Studien, die je zu Vitamin D durchgeführt wurden. Ein Team um JoAnn Manson von der Harvard Medical School hat dafür 25.871 Menschen aus den gesamten USA aufgenommen: Männer ab 50 und Frauen ab 55 Jahren, die zu Beginn weder Krebs noch eine Herz-Kreislauf-Erkrankung hatten. Etwa die Hälfte waren Frauen, das Durchschnittsalter lag bei 67 Jahren, und rund ein Fünftel der Teilnehmenden war afroamerikanisch.
Der entscheidende Unterschied zu einer Beobachtungsstudie: Der Zufall entschied, wer täglich eine Kapsel mit Vitamin D3 bekam und wer ein Placebo, das gleich aussah. Weder die Teilnehmenden noch das Studienteam wussten, wer in welcher Gruppe war. So verteilen sich alle anderen Unterschiede, also Bewegung, Gewicht oder Ernährung, gleichmäßig auf beide Gruppen. Bleibt am Ende ein Unterschied, lässt er sich dem Vitamin D zuschreiben. Parallel prüfte die Studie Omega-3-Fettsäuren. Dieser Report betrachtet nur den Vergleich von Vitamin D mit Placebo.
Die beiden Hauptfragen waren klar festgelegt: Erkranken Menschen mit Vitamin D seltener an Krebs? Und erleiden sie seltener ein schweres Herz-Kreislauf-Ereignis, also einen Herzinfarkt, einen Schlaganfall oder den Tod durch eine Herz-Kreislauf-Ursache? Die Teilnehmenden wurden im Median 5,3 Jahre begleitet.
Wichtig für die Einordnung ist, wo die Menschen zu Beginn standen. Bei 15.787 Teilnehmenden wurde der Vitamin-D-Wert vorab gemessen. Der Durchschnitt lag bei 30,8 ng/mL (rund 77 nmol/L). Nur 12,7 Prozent lagen unter 20 ng/mL (50 nmol/L). Die meisten waren also nicht im Mangel. Teilnehmende durften außerdem in begrenzter Menge eigenes Vitamin D weiter einnehmen.
Hat die Kapsel den Wert überhaupt verändert? Ja. In einer Stichprobe von 1.644 Menschen stieg der Durchschnitt in der Vitamin-D-Gruppe nach einem Jahr von 29,8 auf 41,8 ng/mL. In der Placebogruppe blieb er nahezu gleich.

Was herauskam
Das Hauptergebnis ist eindeutig: Vitamin D senkte keinen der beiden Hauptendpunkte. An Krebs erkrankten 793 Menschen in der Vitamin-D-Gruppe und 824 in der Placebogruppe. Die Hazard Ratio lag bei 0,96, das Konfidenzintervall bei 0,88 bis 1,06. Ein schweres Herz-Kreislauf-Ereignis hatten 396 Menschen mit Vitamin D und 409 mit Placebo, Hazard Ratio 0,97 (0,85 bis 1,12).
0,96Hazard Ratio für Krebs
Auch bei den einzelnen Bausteinen zeigte sich kein gesicherter Unterschied: Herzinfarkt 0,96, Schlaganfall 0,95, Tod durch Herz-Kreislauf-Ursache 1,11. Bei der Sterblichkeit insgesamt, 978 Todesfälle, lag die Hazard Ratio bei 0,99. Ein erhöhtes Risiko für zu viel Calcium im Blut oder andere Nebenwirkungen fand die Studie nicht.
Ein Ergebnis wird oft zitiert, deshalb gehört es dazu: Bei den Todesfällen durch Krebs lag die Hazard Ratio bei 0,83 (0,67 bis 1,02), also nicht gesichert. Erst als die Forschenden die ersten zwei Jahre herausrechneten, ergab sich 0,75 (0,59 bis 0,96). Diese Auswertung war im Studienprotokoll nicht vorgesehen. Sie ist ein Hinweis, dem andere Studien nachgehen können, kein Beleg.
Und was ist mit den Menschen, die zu Beginn wenig Vitamin D hatten? Auch in der Gruppe unter 20 ng/mL, 2.001 Menschen, zeigte sich kein gesicherter Effekt: Hazard Ratio 0,97 für Krebs und 1,09 für Herz-Kreislauf-Ereignisse. Die Konfidenzintervalle sind hier aber breit, weil die Gruppe klein ist. Eine sichere Aussage für Menschen mit Mangel lässt sich daraus nicht ableiten.
So liest du eine Hazard Ratio
Eine Hazard Ratio von 0,96 heißt: In der Vitamin-D-Gruppe trat Krebs im gleichen Zeitraum etwa 4 Prozent seltener auf als in der Placebogruppe.
Entscheidend ist das Konfidenzintervall. Reicht es wie hier von 0,88 bis 1,06, schließt es die 1,0 ein. Dann ist der Unterschied statistisch nicht gesichert und kann auch Zufall sein. Es ist ein Vergleich zweier Gruppen, keine Vorhersage für eine einzelne Person.
Eine zweite Studie, gleiche Richtung
Eine einzelne Studie ist ein Hinweis, kein Beweis. Deshalb schauen wir in jedem Report, ob andere Forschung in dieselbe Richtung zeigt. Hier ist das weitgehend der Fall.
Die D-Health-Studie aus Australien hat 21.315 Menschen zwischen 60 und 84 Jahren aufgenommen und per Zufall auf Vitamin D3 oder Placebo verteilt. Anders als VITAL gab sie das Vitamin nicht täglich, sondern einmal im Monat in einer hohen Dosis, bis zu fünf Jahre lang. Während der Studie lag der Durchschnitt in der Placebogruppe bei 77 nmol/L, in der Vitamin-D-Gruppe bei 115 nmol/L.
Neale und Kollegen berichteten 2022 über die Sterblichkeit. Im Median nach 5,7 Jahren waren 1.100 Menschen gestorben. Die Hazard Ratio für Tod jeder Ursache lag bei 1,04 (0,93 bis 1,18), also kein Unterschied. Bei den Todesfällen durch Krebs lag sie bei 1,15 (0,96 bis 1,39). Das ist nicht gesichert, zeigt aber in die andere Richtung als der Hinweis aus VITAL.
Thompson und Kollegen werteten 2023 im BMJ die schweren Herz-Kreislauf-Ereignisse aus, hier gezählt als Herzinfarkt, Schlaganfall und Eingriffe an den Herzkranzgefäßen. Die Hazard Ratio lag bei 0,91 (0,81 bis 1,01). Für Herzinfarkt allein ergab sich 0,81 (0,67 bis 0,98), für Schlaganfall 0,99. Die Autoren selbst ordnen vorsichtig ein: Der absolute Unterschied war klein, rund 5,8 Ereignisse weniger pro 1.000 Menschen in fünf Jahren, und das Konfidenzintervall ist auch mit gar keinem Effekt vereinbar.
Wie die Studie in die Forschung passt
VITAL und D-Health kommen von zwei Kontinenten, mit verschiedenen Dosierungsschemata und zusammen mehr als 47.000 Teilnehmenden. Beide fanden für ihre Hauptendpunkte keinen gesicherten Nutzen. Das passt zu dem, was das Institute of Medicine schon 2011 festhielt: Für Erkrankungen jenseits der Knochen, etwa Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Diabetes, war die Evidenz uneinheitlich und reichte nicht aus, um daraus einen Bedarf abzuleiten. Und es passt zur Übersichtsarbeit von 2014, in der Beobachtung und Experiment nur selten übereinstimmten.
Eine Lücke bleibt: In beiden Studien waren die meisten Menschen gut versorgt. In D-Health lag nach Angaben der Autoren nur etwa jede achte Person unter 50 nmol/L. Die Autoren schreiben selbst, dass sich ihre Ergebnisse nicht auf Gruppen übertragen lassen, in denen Mangel häufiger ist. Für Menschen mit echtem Mangel beantworten diese Studien die Frage deshalb nicht.
Was das nicht heißt
Gute Forschung benennt ihre Grenzen. Diese vier gehören zu diesem Report dazu.
- Nicht unwichtig. Die Studien sagen nichts gegen die Rolle von Vitamin D für die Knochen. Diese gilt als gut belegt.
- Nicht egal, wie niedrig. Untersucht wurden überwiegend Menschen ohne Mangel. Ein sehr niedriger Wert ist damit nicht entwarnt.
- Eine bestimmte Gruppe. Die Teilnehmenden waren über 50 und lebten in den USA oder Australien. Ob die Ergebnisse für Jüngere oder für Menschen in Deutschland genauso gelten, ist offen.
- Keine Empfehlung. Die Studien sagen nichts darüber, was Einzelne tun sollten. Das besprichst du mit deiner Ärztin oder deinem Arzt.
Was die Leitlinie sagt
Das Institute of Medicine nennt 2011 klare Werte. Ein Spiegel von 16 ng/mL (40 nmol/L) deckt den Bedarf etwa der Hälfte der Bevölkerung, ab 20 ng/mL (50 nmol/L) ist der Bedarf von mindestens 97,5 Prozent gedeckt. Werte über 30 ng/mL (75 nmol/L) waren nicht durchgängig mit zusätzlichem Nutzen verbunden. Ab 50 ng/mL (125 nmol/L) sollten Ärztinnen und Ärzte auf mögliche Nebenwirkungen achten. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung nennt ebenfalls mindestens 50 nmol/L als gewünschte Versorgung.
Die Endocrine Society hat 2024 eine neue Leitlinie veröffentlicht, Demay und Kollegen im Journal of Clinical Endocrinology and Metabolism. Sie findet keine klare Evidenz für einen optimalen Zielwert, der Krankheiten vorbeugt. Eine routinemäßige Messung bei Menschen ohne besonderen Anlass hält sie mangels Studiendaten nicht für begründet. Für bestimmte Gruppen, darunter Kinder und Jugendliche, Schwangere und Menschen ab 75, kommt sie zu eigenen Einschätzungen. Was davon für dich gilt, ist eine ärztliche Frage.
Was das für dich heißt
Die Forschung spricht dafür, den Vitamin-D-Wert gelassen zu lesen. Unter 20 ng/mL (50 nmol/L) sprechen IOM und DGE von einer nicht ausreichenden Versorgung. Darüber zeigen die großen randomisierten Studien bisher nicht, dass mehr automatisch besser ist. Für höhere Zielwerte gibt es aus diesen Studien keinen Beleg.
Weil der Wert mit den Jahreszeiten schwankt, hilft ein Verlauf mehr als ein einzelner Wert. Ein Wert aus dem Februar ist mit einem aus dem August nur bedingt vergleichbar. Aussagekräftiger ist der Vergleich mit derselben Jahreszeit im Vorjahr.
Wenn du deinen Wert anschaust oder mit deiner Ärztin oder deinem Arzt besprichst, helfen diese Fragen beim Einordnen:
- In welcher Einheit steht der Wert, ng/mL oder nmol/L?
- Liegt er deutlich unter 20 ng/mL oder deutlich über 50 ng/mL?
- Wie lag der Wert zur gleichen Jahreszeit bei der letzten Messung?
- Gibt es Gründe, genauer hinzuschauen, etwa beim Knochenstoffwechsel oder bei Medikamenten, die du ohnehin nimmst?
Keine dieser Fragen ersetzt die ärztliche Einschätzung. Sie helfen aber, aus einem Laborbericht ein gutes Gespräch zu machen.
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Es ist derselbe Wert in zwei Einheiten. Einen Wert in ng/mL rechnest du mit dem Faktor 2,5 in nmol/L um: 20 ng/mL entsprechen 50 nmol/L. Schau deshalb immer zuerst auf die Einheit, bevor du einen Wert mit einer Grenze vergleichst.
- Manson JE, Cook NR, Lee IM, et al. (2019). Vitamin D Supplements and Prevention of Cancer and Cardiovascular Disease. New England Journal of Medicine, 380(1), 33-44. NEJM
- Neale RE, et al. (2022). The D-Health Trial: a randomised controlled trial of the effect of vitamin D on mortality. The Lancet Diabetes & Endocrinology, 10(2), 120-128. PubMed
- Thompson B, et al. (2023). Vitamin D supplementation and major cardiovascular events: D-Health randomised controlled trial. BMJ, 381, e075230. BMJ
- Demay MB, et al. (2024). Vitamin D for the Prevention of Disease: An Endocrine Society Clinical Practice Guideline. Journal of Clinical Endocrinology and Metabolism, 109(8), 1907-1947. Oxford Academic
- Ross AC, et al. (2011). The 2011 report on dietary reference intakes for calcium and vitamin D from the Institute of Medicine: what clinicians need to know. Journal of Clinical Endocrinology and Metabolism, 96(1), 53-58. PubMed Central
- Theodoratou E, Tzoulaki I, Zgaga L, Ioannidis JP. (2014). Vitamin D and multiple health outcomes: umbrella review of systematic reviews and meta-analyses of observational studies and randomised trials. BMJ, 348, g2035. BMJ
- Deutsche Gesellschaft für Ernährung (2012). Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr: Vitamin D. DGE
Interessenkonflikte laut Studie: Finanziert von den US-amerikanischen National Institutes of Health. Kapseln und Placebos stellte ein Hersteller von Nahrungsergänzungsmitteln kostenlos bereit, die Vitamin-D-Messungen übernahm ein Laborunternehmen kostenlos. Auswertung und Veröffentlichung lagen laut Studie allein beim Forschungsteam. Einzelangaben der Autoren (ICMJE-Formulare) nicht geprüft. Dieser Report informiert über Studienergebnisse. Damoi diagnostiziert keine Erkrankungen und gibt keine Therapieempfehlungen.