Wenn LDL normal aussieht, ApoB aber nicht: Was eine Studie mit 13.015 Menschen zeigt
Paul Krieger
CEO, Damoi
Was eine dänische Studie mit 13.015 Menschen über die Zahl der Cholesterin-Partikel zeigt.

Was ApoB misst
Cholesterin löst sich nicht in Wasser. Damit es durch das Blut zu den Zellen kommt, reist es in kleinen Transportpartikeln, den Lipoproteinen. Das bekannteste ist LDL. Dazu kommen VLDL, IDL und Lipoprotein (a), kurz Lp(a).
All diese Partikel haben etwas gemeinsam: Jedes trägt genau ein Molekül Apolipoprotein B auf seiner Oberfläche. Misst man ApoB, zählt man deshalb ziemlich direkt, wie viele dieser Partikel im Blut unterwegs sind.
1 : 1Ein Partikel, ein ApoB.
Ein Bild hilft: Stell dir die Partikel als Lieferwagen vor. LDL-Cholesterin beschreibt die gesamte Ladung, ApoB die Zahl der Wagen. In die Gefäßwand dringen die Wagen ein, nicht die einzelnen Pakete. Je mehr Wagen unterwegs sind, desto öfter kann das passieren. Das ist der Gedanke, warum ApoB in der Forschung als besonders aussagekräftiger Marker gilt.
Für die Messung bedeutet das einen praktischen Unterschied. ApoB wird im Labor direkt bestimmt, mit einem Antikörper-Test im Serum. LDL-Cholesterin wird in vielen Laboren dagegen nicht direkt gemessen, sondern aus Gesamtcholesterin, HDL und Triglyceriden berechnet. Diese Rechnung wird ungenauer, wenn die Triglyceride hoch sind oder das LDL sehr niedrig ist. ApoB ist von dieser Rechnung nicht betroffen.
Und noch etwas unterscheidet die beiden: ApoB erfasst nicht nur LDL, sondern alle Partikel, die sich in Gefäßwänden einlagern können. Dazu gehören auch die Reste triglyceridreicher Partikel und Lp(a). Ein einzelner Wert bildet damit die gesamte Fracht ab, die mit einem Risiko verbunden sein kann.
Warum LDL und ApoB auseinanderlaufen
Meistens zeigen beide Werte in dieselbe Richtung. Wer viel LDL-Cholesterin hat, hat in der Regel auch viele Partikel. Aber nicht immer. Partikel können unterschiedlich viel Cholesterin geladen haben. Sind viele kleine, dichte Partikel unterwegs, trägt jedes einzelne weniger. Das LDL-Cholesterin wirkt dann unauffällig, obwohl viele Partikel zirkulieren.
Dieses Muster wird häufiger beschrieben bei erhöhten Triglyceriden, Übergewicht, Diabetes oder einem metabolischen Syndrom. Genau für diese Situationen empfiehlt die europäische Leitlinie, ApoB zusätzlich zu messen. Wenn zwei Werte, die normalerweise zusammenpassen, auseinanderlaufen, nennen Fachleute das Diskordanz. Um diese Fälle geht es in der Studie.
Ein Beispiel: gleiches LDL, andere Geschichte
Stell dir zwei Menschen vor, deren LDL-Cholesterin im Laborbericht genau gleich aussieht. Bei der ersten Person verteilt sich das Cholesterin auf eher wenige, große Partikel. Bei der zweiten auf viele kleine, die jeweils weniger tragen. Auf dem Papier ist das LDL identisch. Die Zahl der Partikel, und damit der ApoB-Wert, ist bei der zweiten Person aber deutlich höher.
Genau diese Situation untersucht die Studie. Sie fragt: Wenn die beiden Werte nicht zusammenpassen, welcher von beiden sagt mehr darüber, was in den folgenden Jahren passiert?
Wichtig dabei: Das Beispiel ist vereinfacht. Wie viele Partikel jemand hat, hängt von vielen Dingen ab, unter anderem von den Genen, vom Stoffwechsel, vom Gewicht, von Ernährung und Bewegung. Ein einzelner Wert erzählt nie die ganze Geschichte. Er ist ein Hinweis, der im Zusammenhang gelesen werden will, am besten gemeinsam mit einer Ärztin oder einem Arzt und im Verlauf über mehrere Messungen.
Die Studie
Die Daten stammen aus der Copenhagen General Population Study, einer der großen Bevölkerungsstudien Europas. Ein Team um Børge Nordestgaard hat daraus 13.015 Menschen ausgewertet, die zum Zeitpunkt der Messung verschreibungspflichtige Lipidsenker einnahmen.
Warum gerade diese Gruppe? Auch wer behandelt wird und gute LDL-Werte erreicht, behält ein gewisses Risiko. Fachleute sprechen vom Restrisiko. Die Frage der Studie war: Welcher Wert bildet dieses Restrisiko am besten ab, LDL-Cholesterin, ApoB oder Non-HDL-Cholesterin?
Dafür wurden alle drei Werte einmal gemessen. Danach beobachteten die Forschenden die Teilnehmenden im Median acht Jahre lang und zählten Herzinfarkte und Todesfälle. Für die Auswertung teilten sie jeden Wert am Median in „hoch“ und „niedrig“ und verglichen die Gruppen, in denen die Werte nicht zusammenpassten, mit der Gruppe, in der beide niedrig waren.

Was herauskam
Das Hauptergebnis: Lag ApoB über dem Median, das LDL-Cholesterin aber darunter, traten Herzinfarkte deutlich häufiger auf als in der Vergleichsgruppe. Die Hazard Ratio lag bei 1,49, das Konfidenzintervall bei 1,15 bis 1,92.
1,49Hazard Ratio für Herzinfarkt
Ähnlich sah es bei Non-HDL-Cholesterin aus, das ebenfalls die Cholesterinmenge in allen ApoB-Partikeln erfasst. War Non-HDL hoch und LDL niedrig, lag die Hazard Ratio bei 1,78. Waren ApoB und Non-HDL beide hoch bei niedrigem LDL, bei 1,82.
Spannend ist die Gegenrichtung: War das LDL-Cholesterin hoch, ApoB oder Non-HDL aber niedrig, fand die Studie kein erhöhtes Risiko. Ein hohes LDL allein, ohne viele Partikel, war in dieser Gruppe nicht mit mehr Herzinfarkten verbunden.
Auch bei der Gesamtsterblichkeit zeigte sich das Muster. Bei hohem ApoB und niedrigem LDL lag die Hazard Ratio bei 1,21 (1,07 bis 1,36). Bemerkenswert: Hier blieb ApoB auch dann mit einem höheren Risiko verbunden, wenn Non-HDL niedrig war. Die Autoren schließen daraus, dass ApoB das Sterberisiko genauer abbildet als LDL und Non-HDL, und das Herzinfarkt-Risiko genauer als LDL.
So liest du eine Hazard Ratio
Eine Hazard Ratio von 1,49 heißt: In der Gruppe mit hohem ApoB und niedrigem LDL traten Herzinfarkte im gleichen Zeitraum etwa 1,5-mal so häufig auf wie in der Vergleichsgruppe.
Sie sagt nichts darüber, wie viele Menschen insgesamt betroffen waren. Ist ein Ereignis selten, bleibt es auch 1,5-mal so häufig noch selten. Es ist ein relativer Vergleich zweier Gruppen, keine Vorhersage für eine einzelne Person.
Eine zweite Studie, gleiche Richtung
Eine einzelne Studie ist ein Hinweis, kein Beweis. Deshalb schauen wir in jedem Report, ob andere Forschung in dieselbe Richtung zeigt. Hier ist das der Fall.
Marston und Kollegen werteten 2022 in JAMA Cardiology Daten von 389.529 Menschen aus der UK Biobank aus, die im Median elf Jahre beobachtet wurden, dazu 40.430 Menschen aus zwei großen Behandlungsstudien. Als alle Blutfette gleichzeitig berücksichtigt wurden, blieb nur ApoB mit Herzinfarkten verbunden: Hazard Ratio 1,27 (1,15 bis 1,40) pro Standardabweichung. Non-HDL-Cholesterin und Triglyceride waren es dann nicht mehr.
Wie die Studie in die Forschung passt
Die Frage, ob ApoB mehr verrät als LDL, ist nicht neu. Schon 2011 haben Sniderman und Kollegen in einer Meta-Analyse Daten von über 233.000 Menschen aus zwölf Studien zusammengeführt. Das Ergebnis: Von den drei Werten LDL, Non-HDL und ApoB war ApoB am stärksten mit Herz-Kreislauf-Ereignissen verbunden.
Einen ganz anderen Weg ging eine Analyse von Ference und Kollegen, 2019 in JAMA veröffentlicht. Sie nutzte angeborene Genvarianten, die Blutfette auf unterschiedliche Weise senken, als eine Art natürliches Experiment. Fachleute nennen das Mendelsche Randomisierung. Das Muster dort: Wie stark das Risiko geringer ausfiel, hing vor allem davon ab, wie stark ApoB sank, und weniger davon, welcher Blutfettwert sich veränderte.
Zusammen mit der dänischen Kohorte und der UK Biobank ergibt sich so ein stimmiges Bild aus drei verschiedenen Forschungsansätzen. Das wiegt mehr als jede einzelne Studie. Die Einordnung bleibt trotzdem vorsichtig: Die Leitlinien nennen LDL weiterhin als wichtigstes Ziel und ApoB als Ergänzung.
Was das nicht heißt
Gute Forschung benennt ihre Grenzen. Diese vier gehören zu diesem Report dazu.
- Keine Ursache. Eine Kohorte zeigt Zusammenhänge. Sie beweist nicht, dass ApoB den Herzinfarkt auslöst.
- Eine bestimmte Gruppe. Alle Teilnehmenden nahmen bereits Lipidsenker und lebten in Dänemark. Ob die Zahlen für dich genauso gelten, ist offen.
- Eine Messung. Die Werte wurden zu Beginn erfasst. Wie sie sich über acht Jahre verändert haben, fließt nicht ein.
- Keine Empfehlung. Die Studie sagt nichts darüber, was Einzelne tun sollten. Das besprichst du mit deiner Ärztin oder deinem Arzt.
Was die Leitlinie sagt
Die europäischen Fachgesellschaften für Kardiologie und Atherosklerose (ESC/EAS) empfehlen in ihrer Leitlinie von 2019, ApoB zur Einschätzung des Herz-Kreislauf-Risikos zu messen. Besonders gilt das bei hohen Triglyceriden, Diabetes, Übergewicht, metabolischem Syndrom oder sehr niedrigem LDL, also genau dort, wo LDL und ApoB am ehesten auseinanderlaufen.
Für ApoB nennt die Leitlinie Zielwerte je nach Risikogruppe: unter 65 mg/dl bei sehr hohem, unter 80 mg/dl bei hohem und unter 100 mg/dl bei moderatem Risiko. Das wichtigste Ziel bleibt dort das LDL-Cholesterin, ApoB ergänzt es. Welche Risikogruppe für dich gilt, ist eine ärztliche Einordnung.
Was das für dich heißt
Die Studie spricht dafür, ApoB nicht isoliert zu lesen, sondern neben LDL und Non-HDL. Passen die Werte zusammen, erzählen sie dieselbe Geschichte. Laufen sie auseinander, ist das ein guter Anlass, die Werte mit deiner Ärztin oder deinem Arzt zu besprechen.
Weil sich Blutfette über die Zeit verändern, hilft ein Verlauf mehr als ein einzelner Wert. Was Studien zu Ernährung und Bewegung zeigen, haben wir im Artikel ApoB senken zusammengefasst.
Wenn du deine Werte anschaust oder mit deiner Ärztin oder deinem Arzt besprichst, helfen diese Fragen beim Einordnen:
- Zeigen ApoB, LDL und Non-HDL in dieselbe Richtung, oder läuft einer davon aus der Reihe?
- Wie haben sich die Werte seit der letzten Messung verändert?
- Sind meine Triglyceride erhöht? Dann lohnt der Blick auf ApoB besonders.
- Welcher Zielbereich gilt für meine persönliche Risikosituation?
Keine dieser Fragen ersetzt die ärztliche Einschätzung. Sie helfen aber, aus einem Laborbericht ein gutes Gespräch zu machen.
Besser ist nicht das richtige Wort. Beide messen etwas anderes: LDL die Cholesterinmenge, ApoB die Zahl der Partikel. Meist passen sie zusammen. Wenn nicht, liefert ApoB laut dieser und weiterer Studien die genauere Information. Die Leitlinie nennt LDL als Hauptziel und ApoB als ergänzendes Ziel.
- Johannesen CDL, Mortensen MB, Langsted A, Nordestgaard BG. (2021). Apolipoprotein B and Non-HDL Cholesterol Better Reflect Residual Risk Than LDL Cholesterol in Statin-Treated Patients. Journal of the American College of Cardiology, 77(11), 1439-1450. JACC
- Marston NA, et al. (2022). Association of Apolipoprotein B-Containing Lipoproteins and Risk of Myocardial Infarction in Individuals With and Without Atherosclerosis. JAMA Cardiology, 7(3), 250-256. PubMed
- Mach F, et al. (2020). 2019 ESC/EAS Guidelines for the management of dyslipidaemias. European Heart Journal, 41(1), 111-188. European Heart Journal
- Sniderman AD, et al. (2011). A Meta-Analysis of LDL-C, Non-HDL-C, and ApoB as Markers of Cardiovascular Risk. Circulation: Cardiovascular Quality and Outcomes, 4(3), 337-345. AHA Journals
- Ference BA, et al. (2019). Association of Triglyceride-Lowering LPL Variants and LDL-C-Lowering LDLR Variants With Risk of Coronary Heart Disease. JAMA, 321(4), 364-373. JAMA
Interessenkonflikte laut Studie: Ein Autor gibt Honorare von Herstellern lipidsenkender Medikamente an. Dieser Report informiert über Studienergebnisse. Damoi diagnostiziert keine Erkrankungen und gibt keine Therapieempfehlungen.